Intergalaktisch – Der Marketing Management Kongress in Berlin

Mit Astronauten im Comicstil und einer grellen Optik hat der Kongress schon vor dem Start auf voller Linie überzeugt und die Teilnehmer nach Berlin gelockt. Am 1. und 2. Dezember fand in Berlin zum wiederholten Mal der Marketing Management Kongress statt.

„Kennt Ihr den neuesten Hot Shit“ fragt Hajo Schumacher am Morgen das Publikum. „Unendliche Akkulaufzeit, jeden Tag neue Updates, total disruptiv, …“. In der Hand hält er eine Stofftüte, darin ein länglicher Gegenstand. Zunächst Schweigen – dann, nach einer kurzen Kunstpause löst Schumacher das Rätsel: Die neueste Ausgabe der Berliner Morgenpost. Gut gemeint, aber keine Lacher bei diesem Gag, eher müde Gesichter. Man kann Hajo Schumacher mögen oder nicht, er polarisiert mit seiner Art der Moderation: Extrovertiert, wild über die Bühne hampelnd, manchmal einen Schrei loslassend. Das Publikum hat er an diesem Morgen noch nicht ganz im Griff.

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Der Marketing Management Kongress ist 2016 mit Sicherheit einer der schrillsten Kongresse in der Republik, zumindest was die Eigenwerbung angeht. Keine Frage, mit Hajo Schumacher hat das Event in der Hauptstadt auch ein kräftiges Zugpferd in der Moderation. Was aber, wenn der Schein das Sein überragt? Deshalb die berechtigte Frage, ob der MMK auch durch Inhalte überzeugen kann? Die Teilnehmerliste strotzt schon einmal von renommierten Firmen. Muss ja wohl was dran sein, oder?

MMK2016Das Raumschiff MMK2016

Galaktisch anmutend ist die Eröffnung der Konferenz. „T minus 30 seconds“ ertönt eine Stimme im knarzenden Funk-Sound aus den Lautsprechern, bekannt aus unzähligen NASA-Starts. „three, two, one – ignition sequence started“. Eine kleine Lightshow, untermalt mit fettem Beat und das Raumschiff MMK2016 hebt ab. Das schrille Konferenzdesign setzt sich in allen Sinnen fest.

Ein lockerer Umgang wird propagiert. Schon die letzte Teilnehmermail suggeriert dies. Jeans und Sneakers werden empfohlen. Einige Anzugträger haben es dennoch in den großen Kuppelsaal der Berliner Congress Centers geschafft. Schumacher nimmt das Publikum aufs Korn und preist den Konferenz-Hashtag an. „Für alle, die Ihren Kollegen auch mal zeigen wollen, dass sie eine Dienstreise machen dürfen. Der erste Lacher. Die Frage, ob jemand für die Abendveranstaltung was zum Kiffen dabei hat, scheint genau den Nerv zu treffen. Die Stimmung löst sich langsam.

Knapp 90 Speaker in 2 Tagen. Ein Wahnsinns Programm! Wer die Wahl hat, hat die Qual. Sechs zeitgleiche Slots stehen den Teilnehmern zur Verfügung. Keine Chance, das volle Programm mitzunehmen, deshalb an dieser Stelle ein kleiner Auszug:

Keynote: Ben Hammersley (Futurist, Journalist, Dozent, Autor)
Post-Digital Marketing World

Ben Hammersley ist britischer Internettechnologe, Stratege und Journalist. Er hat sich auf die Auswirkungen des postdigitalen und Post-Internet-Zeitalters spezialisiert. Die ersten Sympathien des Publikums hat er auf seiner Seite, als er sein vergangenes Jahr beschreibt. „The year was difficult as a pro European Englishman, living in America.” In seiner kurzweiligen Keynote geht er auf die die digitale Transformation ein. Diese schreitet voran, ehemals sicher geglaubte Jobs sind zukünftig gefährdet. Hammersley beschreibt die technische Entwicklung auf seine humoristische Art und Weise. Seine Tochter hat jetzt einen Dinosaurier der mit ihr spricht, somit outsourct er das „Parenting“ an IBM. Bei allem Klamauk, den dieser Vortrag beinhaltet, gibt Hammersley den Teilnehmern ein exzellentes Fazit mit, nämlich sich auf das zu konzentrieren, was einen als Mensch einzigartig macht. „Transform yourself into a better human, save the world and you can’t be replaced by a robot.” Menschlichkeit und Empathie sind der Schlüssel zur Unersetzbarkeit im Zeitalter der Artificial Intelligence.

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Vortrag: Michael Stenberg (Global Vice President Digital Marketing, Siemens)
Strategien und Konzepte für Social Selling, Influencer Marketing und C-Level Engagement

Die Geschäftsführung in sozialen Medien: Nicht nur die Reputation lässt sich damit steigern, auch Geschäft kann damit generiert werden, so die These von Michael Stenberg. Vorbildfunktion für Mitarbeiter ist der CEO, der aktiv auf Social Media sein muss. Er fungiert als Brand Ambassador und Influencer. Bleibt die Frage, wie es Siemens geschafft hat, das C-Level im Bereich Social Media zu aktivieren? Eine Antwort bleibt der Vortrag final schuldig, auch wenn Stenberg preisgibt, dass oftmals zu Beginn eine hartnäckige Überzeugungsarbeit geleistet werden muss und die Inhalte kuratiert und aufbereitet werden. Dennoch hat Stenberg es auf elegante Weise geschafft, das Publikum zu begeistern. Jeder kann sich in das Thema hineinversetzen, jeder könnte es umsetzen. Mit minimalem Budget eine maximale Außenwirkung erzielen – der Traum aller Marketingverantwortlichen. Sein Fazit, das hängen bleibt: “It’s not about the content, it’s about who shares the content.”

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Keynote: Taavi Kotka (Republic of Estonia)
The advantages of living in a digital society – best practices from Estonian reality

Der digitalisierte Staat ist in Estland längst Realität. Was dies für das kleine baltische Land bedeutet, erklärt Taavi Kotka, Chief Information Officer der Regierung in Tallinn. Transparenz heißt das Zauberwort: In Estland sind alle IT-Systeme miteinander vernetzt – und zwar dezentral, ausfall- und manipulationssicher. Gerade Deutsche fragen sich da oft, wie denn mit den Themen Datenschutz und Privatsphäre umgegangen wird? Die Lösung heißt Transparenz: Jeder Estländer kann online Einblick in seine Daten nehmen und auch sehen, wer wann auf welche Teile davon zugegriffen hat. Die missbräuchliche Nutzung wird mit Gefängnisstrafen belegt. Aktuell sucht die estnische Regierung noch „virtuelle Estländer”. Wer sich berufen fühlt kann gerne https://e-estonia.com nähere Infos abrufen.

Am Abend wartet dann das Science Fiction Double Feature, die Abendveranstaltung des Marketing Management Kongress, mit einer ausgelassenen Atmosphäre auf. Wer die Nacht zum Tag machen möchte, hat hier die Gelegenheit. Schauplatz ist das Umspannwerk am Alexanderplatz, keine 10 Gehminuten entfernt. Freie Getränke und ein feines Buffet, serviert von extraterrestrischen Wesen. Zumindest sollen dies wohl die Silberpüschel-Perücken vormachen, mit dem das Servicepersonal den Abend über durch die Location läuft. Alles Augenwischerei, der eigentliche Showact ist überirdisch. Leicht bekleidete Tänzerinnen, in Halbkugeln die von der Decke baumeln, dazu Astronauten in Schutzanzügen. Zero Gravity – der MMK ist in der Schwerelosigkeit angekommen.

Das Katerfrühstück am nächsten Morgen ist nur etwas für die ganz Harten. Back to the earth, Full Metal Breakfast ist angesagt: Mettbrötchen, Dosenbier und Bloody Mary.

Wem der Schädel noch so richtig brummt, wird zu Beginn des zweiten Konferenztages mit sanften Metallklängen in den Kongress eingeführt. Aus den Lautsprechern tönen harten Gitarrenriffs, dazu Bilder an der Leinwand von der Party des Vortages. Nicht jedermanns Sache, aber um 9:30 Uhr kann man das schon mal ertragen – zumindest nüchtern. Mit 15 Minuten Verspätung geht es dann auch ins Programm.

Keynote: Holger Hübner (Gründer des Wacken Open Air Festivals)

1990 tat sich Holger Hübner mit einigen Freunden aus Wacken zusammen und organisierte das erste Wacken Open Air – bis heute. Mit seiner etwas kauzigen Art führt Hübner in das Festival und die Marke W:O:A ein. Auch wenn der Beitrag akustisch einige Schwierigkeiten bot, war es dennoch eine Freude, ihm zuzuhören. Zumindest das, was man verstand. Der Mann hat Herzblut. Viel Zeit hat Hübner eigentlich nicht, schließlich gibt es viel zu regeln, wenn 130 Bands anrücken, 75.000 Besucher, 65 Sattelzüge mit Bühnenmaterial und 1.000 Lkw mit allem, was das weltgrößte Metal-Open-Air so braucht. Umso schöner, dass er nach Berlin kommen konnte. Insgesamt ein wirklich interessanter Blick hinter die Kulissen der Metall-Machine. Holger, keep on rockin!

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Keynote: Scott Stratten (President of UnMarketing)
The Age of Disruption: Everything Has Changed and Nothing Is Different

Gäbe es zum Abschluss einen passenderen Speaker als Scott Stratten? Nein, der Kanadier hat die Bühne zum Ende noch einmal richtig gerockt! Er war der krönende Abschluss. Das heutige Geschäftsklima ändert sich in noch nie dagewesener Weise. Jede Woche keimt eine neue Strategie, eine Social-Media-Website oder ein “Game-Changer” auf. In nahezu genialer Weise nimmt sich Stratton dem Thema an und präsentiert den Teilnehmern in seiner Abschlusskeynote den besten Mix aus Marketing Fuck-Ups und einzigartigem Kundenservice. „When people complain online they look for validation they have been heard, and immediacy is essential” Sei es die Stoffgiraffe Joshie, die im Ritz-Carlton arbeitete oder Delta Air Lines, die sich innerhalb von drei Minuten bei Stratton entschuldigte. Nicht zuletzt fesselt Stratton aber durch seine perfekte Verständlichkeit, man klebt förmlich an seinen Lippen. Fazit: Best Keynote ever!

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Have no fear, darling

Das war klasse, liebes Quadriga-Team! Neben einigen Grundlagen, die ich so in in ähnlicher Form oft auch auf ähnlichen Veranstaltungen schon gehört habe, waren viele Themen dabei, die tiefer gingen. Trotzdem war Eure Auswahl der Speaker absolut treffend. Ihr habt es geschafft, zwei Galaxien zu verbinden: Mensch & Marketing. Mit Sicherheit gibt es an der einen oder anderen Stelle noch Potenzial nach oben, aber das ist nicht der Rede wert, zumindest nicht in diesem Rahmen. Vielen Dank an das Team des #mmk16. In diesem Sinne: Have no fear, darling.

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